Du hast kein Recht darauf zu verurteilen, auf welche Weise ich mich gerettet habe, nachdem du alles zerbrochen hast!

21. Oktober 2016

Fehler

Ich saß nicht oft in diesem Wartezimmer.
Warte - Zimmer.
Das Warten für's weitere Abwarten mit vielen Anderen in einem Raum.

"Frau xXx?"
Ich stehe auf, stolpere beinahe über meine eigenen Füße, der Arzt scheint mich mit einem Blick von oben nach unten abzuscannen, gibt mir die Hand und ich folge ihm in das Behandlungszimmer.
Seltsam, ich hatte vergessen, wie es aussieht. Seit ich ausgezogen bin, ist er mein Ansprechpartner geworden, aber auch nur, weil es ein Fußweg von 5 Minuten ist und mein damaliger Hausarzt nervig und außerdem eine halbe Stunde Bahnfahrt entfernt ist.

"Nehmen Sie Platz. Was kann ich für Sie tun?"

Komm schon, das haben wir doch geübt.

"Also.. ähm. Ich weiß nicht genau, wo ich anfangen soll. Ich habe noch nie vorher solch ein Gespräch geführt." Er nickt und wirkt so, als müsste ich eigentlich nicht mehr weiter reden. Aber ich tue es trotzdem.
"Also mir.. geht es nicht so gut in letzter Zeit... in den letzten Wochen."

"Körperlich? Seelisch?"

"Psychisch."

"Mhm. Haben Sie das Gefühl, dass sich dieser Zustand verändern ließe? Kommt das von der Arbeit? Privat? Sie sind doch Erzieherin oder? Grundschule war's?"

"Ja, also.. Seit neustem im Heim. Ja. Eher Privat und das überträgt sich auf die Arbeit. Und ich mache Fehler und bin nicht ganz da und dadurch mache ich noch mehr Fehler und mir ist einfach... alles zuviel."

Er dreht sich zum Pc, schreibt in roten Buchstaben psychische Belastung auf und ich starre ungläubig auf den Bildschirm.

"Ich glaube, ich brauche einfach eine Auszeit. Um meine Gedanken zu ordnen."

"An wie lange haben Sie gedacht? Sonntag? Oder lieber Mittwoch und Sie kommen wieder, sollte es nicht ausreichen?"

"Freitag. Eine Woche..."

"Okay. Dann nehmen Sie sich die Zeit bis Freitag. Wenn es nicht reicht, kommen Sie wieder vorbei. Wissen Sie, wenn es längerfristig nicht besser wird, wäre es eine Überlegung wert, einen Therapeuten auszusuchen."

"Ja, ich kann das nur nicht so... nach Außen."

"Aber das kann man erlernen. Wissen Sie, Menschen gehen zum Arzt, wenn sie erkältet sind, wenn sie Fußschmerzen haben und es ist ganz normal, darüber zu sprechen. Aber alles, was oben im Kopf passiert, darüber ist es schwer zu sprechen. Aber auch das Gehirn kann krank werden, so wie der Hals oder Bauch oder oder... Und auch da gibt es spezielle Ärzte. Stellen Sie sich vor, in den USA treffen sich Menschen auf der Straße und bei der Frage "Was machst du heute noch so?" "Kommt ohne Probleme die Antwort "Ach, ich geh zu meinem Therapeuten". Dabei hat unsere Stadt 3 Mal mehr Psychologen, als zum Beispiel New York. "

"Ja, mh. Ja."

"Also nehmen Sie das hier mit und geben Sie es vorne ab. Und lassen Sie sich den Gedanken mal durch den Kopf gehen. Und wie gesagt, kommen Sie wieder, wenn es nicht besser wird."

"Ja, danke. Vielen Dank. Tschüss."

Zu Hause angekommen hasse ich mich. Für jedes. einzelne. Wort.
Sage auf der Arbeit Bescheid und hasse. mich. für. jedes. einzelne. Wort.
Als ich die Meldung einscannen will, kommt mir die Diagnose verdächtig vor.
Google, Freund und Helfer.

Suizidalität ; Schwierigkeiten bei Bewältigung der aktuellen Lebenslage.

Stempel. Stempel. Stempel. Stempel.

Ich kann mein Leben bewältigen. Nur mich eben nicht. Ich bin nicht suizidal. Ich falle.

Ich kann da nie wieder hin. Verstehen Arbeitgeber diese Codes? Machen Sie sich die Mühe, diese zu googeln? Mir ist so übel von der ganzen Sache. Was hab ich nur getan. Wieso habe ich mich nicht einfach verkrochen. Sonst habe ich immer irgendwelche Krankheiten vorgetäuscht. Jetzt versuche ich die Wahrheit zu sagen, bekomme nicht mal ein Viertel von all dem raus, was in meinem Kopf steckt und habe nun offiziell diesen beschissenen Stempel.

Im Leben hätte ich mir nie vorstellen können, dass ich meinen Mund einem Arzt gegenüber aufmache und sage, wie es mir geht. Im Leben nicht. Ich durfte auch nie nie nie nie. Ich habe mich verraten und ich fühl mich... gerade überhaupt nicht. 

6 Kommentare:

  1. Aber es war mutig, richtig und gut dass du mit offenen Karten gespielt hast. Hasse dich nicht dafür, sondern versuche, die Auszeit so gut wie möglich für dich zu nutzen ♡

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  2. Der Arbeitgeber bekommt den Code nicht, keine Sorge :)
    Und es war mutig, dass du beim Arzt die Wahrheit gesagt hast <3

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  3. Ohh nee, wie gut ich einfach diese Arztgespräche kenne.
    Man fühlt sich so mies, es ist einem so unangenehm, ja, wie du es schreibst, man hasst sich für jedes einzelne Wort.
    Und ich schätze, der Arzt sitzt da, versucht einem zu helfen und am Ende war man nur einer von vielen Patienten und während man sich selbst den Kopf richtig hart zerbricht sitzt beim Arzt längst ner nächste Patient.
    Hass dich nicht meine Liebe und geh wirklich wieder zu ihm wenn es nicht besser wird.
    Zu der Sache mit deinem Arbeitgeber: in der Regel bekommt nur deine Krankenkasse die Diagnose mit. Dein Arbeitgeber bekommt die Krankmeldung ohne DIagnosen ganz einfach weil sie ihn nichts angehen und es genau wie dein Arzt ist, wer krank ist ist krank, man kann körperlich, aber auch seelisch krank sein. Nimm dir die Zeit.
    Ich drück dich und sende dir viel Kraft
    <3

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  4. Mit jedem Kommentar mehr verstehe ich weniger, warum du so wundervoll zu mir bist. Danke...

    Kuscheln und Kakao und an nichts Anderes denken, bitte. Dann könnte die Welt für kurze Zeit heile sein. Was meinst du? Klingt das nach einem guten Plan?

    Das war kein Verrat. Das war Mut. Sehr sehr sehr viel Mut. Ich bewundere dich. Das hast du gut gemacht.
    Du bist so stark.
    Siehst du deine Stärke?

    Ich denke an dich.
    Jay.

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    1. Liebes, vielleicht liest du das hier. Oder jemand Anderes von euch. Irgendwer. Und vielleicht darf ich auch irgendwann wieder teilhaben an dir,an euch. Es tut mir Leid,dass ich nun nicht früher geantwortet habe, denn dann wäre ich jetzt vielleicht noch dabei. Ich denke auch an dich... In der Hoffnung,dass du oder jemand,der dir das noch sagen/zeigen kann das hier liest.. <3

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  5. Hallo du Liebe.
    Dein Beitrag tut richtig weh, im Bauch, im Herzen.
    Ich kenn das.
    Bei mir wurde jahrelang nach etwas körperlichem gesucht - nicht weil ich es wollte, sondern weil mein Hausarzt mir nichts psychisches "andichten" wollte.
    Als er dann den letzten Ausweg nahm - mich einem Therapeuten zur Diagnosestellung vorzustellen - wurde mir dann eine somatoforme Störung vorgeworfen. Der zwanghafte Versuch, eine Erkrankung zu finden, die nicht da ist.
    Das ist nur eine winzige Kleinigkeit im Gegensatz zu deiner Diagnose, die er nicht richtig hinterfragt hat, aber es fühlte sich ähnlich an.
    Und da ich zu viel Angst habe (haha, bei einer diagnostizierten Angststörung kein Wunder :D) schaffe ich es nicht, bei einem Therapeuten anzurufen, wegen einer Therapie. Ich nehme es mir immer wieder vor, aber ich bin ja eigentlich nicht krank. Dass mir ständig übel ist, dass halte ich schon aus. Und das ständige Traurigsein war für die Therapeutin auch nicht wichtig genug um es in ihren Bericht aufzunehmen. Also hab ich doch eigentlich nichts, außer die Suche nach einer Erkrankung die nicht da ist...

    Ich denk an dich.
    Zis.

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Schön, dass du da bist.. :)